Quo vadis, Mittel- und Osteuropa?

 

 (Abstract)

 

 

Die sozialpolitischen Umbrüche im ehemaligen Ostblock waren von einer Begeisterung für die Europaidee und einem Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit und Demokratie geprägt. György Konráds „Traum von Europa“ und Milan Kunderas Konzept von Mitteleuropa als dem „entführten Westen“ haben die Wende in den 1980er Jahren  beflügelt. Die Proteste im Winter 2013/14  in Kiev standen im Zeichen der EU-Zugehörigkeit. Die Toten des „Euromajdans“ hat man mit Europaflaggen umhüllt zu Grabe getragen.

 

Die  Dissonanzen  zwischen dem Osten und dem Westen waren freilich auch greifbar. Jurij Andruchovyč fasste die Enttäuschung der Ukrainer in dem berühmten Satz zusammen: „Wir reden über Werte, ihr redet über Preise“ (FAZ, 19.11.2014). In Westeuropa ist man heute über die nationalistischen, autokratischen und  xenophoben Tendenzen bei den östlichen Nachbarn beunruhigt.

 

Der Vortrag erörtert die aktuellen Debatten über Europa und EU in Mittel- und Osteuropa vor dem Hintergrund sozialpolitischer und kulturhistorischer Gegebenheiten.  

 

Bild: Das Dokument des sog. „Warschauer Religionsfriedens“ (pax dissidentium) von 1573.

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Geschichte der Toleranz-Idee in der polnischen Renaissance

 

(Vortrag bei der Tagung „Freiheit der Untertanen. Toleranz und Zwang als Taktik in der herrschaftlichen Politik“ [Wolność poddanych. Tolerancja i przymus jako taktyka w polityce władców]. Würzburg 18.-19. September 2017.)

 

„Ich bin nicht der König Eures Gewissens!“ erklärte  1573 Sigismund II.  August vor dem polnischen Parlament. Er bezog sich mit seiner inzwischen berühmten, vielfach zitierten  Aussage auf das Toleranzedikt der sog. Warschauer Konföderation. Diese vom Gedanken-gut des Renaissance-Humanismus getragene, im Staatsrecht gesicherte, umfassende Religionsfreiheit war einmalig im zeitgenössischen Europa.

Doch die Geschichte der Toleranz-Idee im Kontext des Monotheismus beginnt eigentlich schon in der Spätantike. In den Schriften der Kirchenväter (z.B. Augustinus) wird sie als eine  glaubens- und kirchenpolitische Grundlage des Christentums beschrieben. Dieser Gedanke wird  in den mystischen Strömungen des Mittelalters (z.B.  bei Nikolaus Cusanus) im Sinne einer Vielfalt an Erscheinungs- und Lebensformen der einen Glaubenswahrheit weiterentwickelt.

In dem geplanten Vortrag  werden die verschiedenen Aspekte des Toleranzbegriffes - religiöse, sozialpolitische, interkulturelle - im Schrifttum der polnischen Renaissance (Andrzej Frycz Modrzewski, Jan Kochanowski, Mikołaj Sęp Szarzyński, Piotr Skarga) erörtert. Dabei sollen sowohl die entsprechenden Tradionslinien der antiken Autoren berücksichtigt als auch ein kurzer Ausblick in der Weiterentwicklung des Diskurses bis zum Begriff der Solidarität (Józef Tischner, Zygmunt Bauman) skizziert werden.

  

 

 

E.T.A. Hoffmann in Schlesien

 

Erscheint demnächst in Kongressband „WrocLove - ein außergewöhnliches Phänomen der europäischen Kultur“.

 

E.T.A. Hoffmann war kein schlesischer Autor wie z.B. Gerhart Hauptmann. Man kann seinen Universalismus und die für die Romantik typische, metaphorische Schreibweise nur schwer mit regionalen Themen und topographischen  Aussagen verbinden.

 

Allerdings war der Dichter biographisch durchaus mit Polen verbunden. Schließlich hat er fast ein Jahrzehnt auf polnischem Territorium gelebt,  und er war von 1802 bis zu seinem Tod mit der Polin Marianna Thekla Michaelina Rorer-Trzcińska ((Mischa) verheiratet.   Die  polnischen Reminiszenzen in E.T.A. Hoffmanns Werk sind nicht zu übersehen. Sie beziehen sich auf Orte, historische Persönlichkeiten, kulturelle Gegebenheiten und auch auf die  Sprache. Hoffmann benutzt gelegentlich Ausdrücke, die direkte Übersetzungen aus der Polnischen sind, und er bezieht sich auf polnische Lieder, Sprichworte und (Volks-) Erzählungen.

 

Sein Aufenthalt in dem damals genuin deutschen Schlesien hatte freilich keinen direkten Bezug zur polnischen Kultur. Hoffmanns Texte aus jener Zeit, die Peter Lachmann in der Anthologie DurchFlug – E. T. A. Hoffmann in Schlesien herausgegeben hatte, berichten von privaten Problemen und kritisieren den Provinzialismus und das Kleinbürgertum, die einen Gegensatz zu den Großstadt-Erfahrungen des Dichters in Königsberg, Berlin, Posen und Warschau bildeten.  

 

Neben Hoffmanns Aussagen zum Lokalkolorit („wiewohl ich einen innern horreur für Breslau habe“, S. 115) und den ästhetischen „Polonismen“ in seinem Werk, werden in dem vorliegenden Aufsatz Aspekte seiner romantischen Kunsttheorie anhand der Erzählung Die Jesuitenkirche in G. und seiner Naturphilosophie anhand der Briefe aus den Bergen (Riesengebirge) analysiert. Der Beitrag (in polnischer Sprache) erscheint in dem Kongressband „WrocLove“.

 

 

 

 

 

25 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag

in Bamberg und Umgebung

(Abstract)

 

 

 

Am 17. Juni 1991 wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet, der  den Weg für „gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ ebnen sollte. Das 25. Jubiläum im Sommer 2016 war Anlass, in einem Seminar mit den Studierenden der Universität Bamberg die Folgen des Nachbarschaftsvertrages für die fränkische Region zu untersuchen und in dem vorliegenden Aufsatz zu resümieren.  

 

Ausgangspunkt war ein anthropologisch fundierter und interdisziplinär breit angelegter (Soziologie, Ethik, Religion, Ethnologie, Politik, Medien- und Rechtswissenschaft) Begriff der Nachbarschaft. In einem kurzen historischen Abriss wurde der Wandel des Phänomens „Nachbarschaft“ nachgezeichnet: Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts  Aspekte wie „sozialer Raum“, „Nähe“ vs. „Distanz“ (F. Tönnies, H. Plessner) eine große Rolle spielten, können in der Postmoderne, bzw. der „liquiden Moderne“ (Z. Bauman) nur noch exterritoriale, mobile, netzwerkartige Strukturen ausgemacht werden.

 

Nach einer theoretischen und historischen Einführung in die Thematik analysierten die Studierenden in selbständigen Projektarbeiten die aktuellen Partnerschaften und Kooperationen zwischen Schulen, Landkreisen, Gemeinden, Städten, Schulen in Franken und in Polen.  Die Ergebnisse dieser Arbeiten wurden auf dem Server der Universität Bamberg allen Seminarteilnehmern virtuell zu Verfügung gestellt.

 

Vor diesem Hintergrund und im Kontext der aktuellen Ereignisse (Flüchtlingsströme, Migration) wurden zunächst die Höhepunkte der fränkisch-polnischen  Begegnungen in der Vergangenheit analysiert:  das Phänomen „Bavaria Slavica“, das ein multikulturelles Bayern im frühen Mittelalter beglaubigt; die Missionierung der Pommern durch den Bamberger Bischof  hl. Otto in den 20er Jahren des 12. Jahrhunderts, die offensichtlich in langfristige diplomatische Arbeit des ortsansässigen Benediktinerordens eingebunden war; die Umsiedlung großer Teile der bäuerlichen Bevölkerung aus dem Bamberger in das Posener Umland im 18. Jahrhundert – ein Beispiel für die gelungene, historische Migrationspolitik und für freundschaftliche Beziehungen heute.  

 

Für die Gegenwart konnten die unmittelbaren Auswirkungen des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages und der EU-Osterweiterung in einer Reihe von erfolgreichen Städte- und Gemeindepartnerschaften sowie intensiven Kooperationen von Hochschulen, Schulen und Unternehmen nachgewiesen werden. Dabei fiel immer wieder das besondere Engagement einzelner Personen auf, die als Übersetzer, Vermittler, Brückenbauer in entscheidender Weise den Aufbau zivilgesellschaftlicher und institutioneller Beziehungen vorantrieben.

 

 

 s. auch:

 https://www.uni-bamberg.de/presse/pm/artikel/nachbarschaftsvertrag/